Die Champagner-Therapie


Wie schön es doch ist, wenn ein prickelnder Champagner einem Schluck für Schluck den Verstand raubt. Die Sinne werden leichter, die Gefühle flatterhaft und verwegen nestelt die Leichtfertigkeit an den eigenen Grundfesten. Man nennt es gern auch ein Damenräuschchen. Nicht sturztrunken, aber trunken beseelt. Fragt sich nur: Ist diese Glückseligkeit allein nur großen Momenten vorbehalten? Oder doch alltagstauglich für die Bar? Heinfried Tacke therapiert und fragt nach.

 

Wie kann man ein Land regieren, das mehr als 365 Käsesorten hat!“ Diese so flehende Anrufung wird gern Charles de Gaulle nachgesagt, dem Übervater aller französischen Präsidenten. Will sagen: Genuss ist der Grande Nation geradezu ein Auftrag. Eben Leben wie Gott in Frankreich. Doch nichts davon kommt im Vergleich auch nur annähernd heran an Ruf und Größe des Champagners. Das flaschengereifte Prickeln ist Inbegriff eines fürstlichen Genusses und großer Gefühle. Die Legende will, dass Napoleon stets nach einem erfolgreichen Feldzug in Epernay Rast machte, um mit einem Champagnergelage seinen Sieg zu feiern. Ein sprechendes Bild! Denn bis heute fließt in aller Regel Champagner, wenn es groß was zu feiern gibt. Nur: Soll das schon alles gewesen sein? Champagner ist doch ein Kulturgut ersten Ranges. Und überhaupt: Gehört man etwa schon zum alten Eisen, wenn man mit dem Ausgang in eine Bar eben immer auch solch edlen Genüsse vor Augen hat? Heißt: Einen großen, mattsilber glänzenden Kübel auf dem Tresen, in dem die Champagnerflaschen baden und wohltemperiert auf ihr beglückende Erfüllung warten?

 

Ein Genuss mit Hinkefuß
Viele gehobene Genüsse und besondere Errungenschaften sind in den letzten Jahren demokratischer geworden. Auch die Gastronomie kann davon ein Lied singen. Denn es hat so manche sprudelnde Einnahmequelle begründet. Nur bei dem verflixt teuren Champagner will das nicht so ins Auge springen. Was gab es nicht alles an Hype und Boom in der so frivol wach geküssten Barwelt. Und besann man sich dabei nicht vor allem auf überlieferte Traditionen und gestandene Klassiker? Und doch scheint ein Schmuckstück des früheren Inventars immer noch im Schatten der ansonsten vielen großen Wiederentdeckungen zu verharren. Ist doch längst klar, wovon damit die Rede ist … Natürlich meine ich das große Erbe des Champagners am Tresen. Oder versagen wir längst in der Fähigkeit, auf großem Fuß zu leben? Nicht mal für den Moment? Das heißt, dass wir damit immer noch weit entfernt sind von dem, was uns die oft beschworenen guten, alten Sternstunden der Barwelt einst vorexerziert haben.

 

Der Wein des Teufels
Und wenn wir uns schon einer Rückbesinnung hingeben, dann sollten wir dies auch beim Champagner tun. Heißt im historischen Sinne: Wein wurde in der Champagne schon zur Zeit der römischen Belagerung angebaut. Doch dass er zu jenem, heute so berühmten wie prickelnden Perlgenuss veredelt wird, ist zunächst einem Übereifer im Laufe der Zeiten geschuldet. Ab dem 17. Jahrhundert begannen die Winzer in dieser Region, ihren jungen Wein direkt auf die Flasche zu „ziehen“ statt im Fass zu lagern. Das hielt ihn zwar frisch, nur gärte er ungezügelt weiter. Der moussierende Wein mit seiner lieblichen Note fand derart zwar rasende Liebhaber unter den Engländern, nur die Winzer hatten ihre liebe Mühe und Not mit diesen Flaschen in ihren Kellern, die ihnen zuhauf um die Ohren flogen. So entstand der Beiname: „Wein des Teufels“. Verführerisch wie verrückt, nur kaum in Zaum zu halten. Alles, was dann erst noch gefunden werden musste, namentlich der dosierte Einsatz des Zuckers, die Reifung auf der Hefe in der Flasche, das weiße Keltern roter Trauben und dazu die hohe Kunst der Verschnitte, das Rüttelverfahren oder auch nur der speziell befestigte Korken, all das begründet eine so ureigene Methode und ein Kulturgut, das im übertragenen Sinne erst dem Beelzebub entlockt und seiner Ungezügeltheit entrissen werden musste.

 

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